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Deutschlands Krankenhausärzte unter hohem Arbeits- und Zeitdruck

Studie belegt hohe physische und psychische Belastung der Ärzte durch Bereitschaftsdienst

Situation am OP-Tisch

(© SMWA)

In den letzten Jahren ist die Arbeitssituation von Krankenhausärzten zunehmend in den Brennpunkt der Kritik geraten:

  • Ärztemangel
  • Dienste bis weit über 24 Stunden hinaus
  • unbezahlte Überstunden
  • zunehmender Arbeitsdruck
  • wachsender Dokumentationsaufwand.

Dabei nehmen die momentan noch geleisteten Bereitschaftsdienste einen besonderen Stellenwert bei der Belastung von Krankenhausärzten ein. Vor diesem Hintergrund wandte sich das Sächsische Staatsministerium für Wirtschaft und Arbeit an das Institut für Arbeits-, Organisations- und Sozialpsychologie der TU Dresden mit dem Anliegen, die Belastungssituation von Ärzten, die Bereitschaftsdienst in sächsischen Krankenhäusern leisten, arbeitspsychologisch zu analysieren. Die Untersuchung fand in Zusammenarbeit mit dem zuständigen Gewerbeaufsichtsamt statt.

Die Studie wurde in einem Krankenhaus der Regelversorgung durchgeführt. Die Mitarbeiter des ärztlichen Dienstes ausgewählter Kliniken (Anästhesie, Chirurgie, Medizinische Klinik, Kinder- und Jugendklinik, Augenklinik, HNO, Urologie) wurden gebeten, zwei Fragebögen (Kurzverfahren zu Arbeit und Arbeitserleben & Belastungsscreening) auszufüllen. Die Ärzte, die Bereitschaftsdienst leisten, wurden darüber hinaus gebeten, ein so genanntes Belastungstagebuch zu führen. Insgesamt nahmen 50 Ärzte an der Fragebogenerhebung teil.

Ergänzend dazu führte die Personalabteilung des Klinikums zusammen mit dem zuständigen Gewerbeaufsichtsamt über den Zeitraum eines Quartals eine Analyse der Aktivzeiten im Bereitschaftsdienst bei allen betroffenen Ärzten durch.

Ergebnisse

Der Arbeitsdruck wurde von den Ärzten im Durchschnitt als relativ hoch eingeschätzt:

  • 96% der Ärzte gaben an, dass bei ihrer Arbeit andauernde Aufmerksamkeit erforderlich sei
  • 80%, dass unter Zeitdruck gearbeitet werde und
  • 66%, dass zu wenig Zeit sei, um die Arbeit erledigen zu können.

In der Chirurgie beispielsweise schließt sich nach einem in der Regel 8-stündigem Arbeitstag für die Ärzte von 15.30 - 7.00 Uhr ein Bereitschaftsdienst an, der bis ca. 23.00 Uhr eine hohe zeitliche Belastung (bis zu 95 %) aufweist. Nur von ca. 23.00 bis 7.00 Uhr wäre nach bisher geltendem Recht im konkreten Fall ein Bereitschaftsdienst möglich.

Untersuchungen und Notfallbehandlungen stellen mit ca. 49 % am Gesamtanteil der Aktivzeit im Bereitschaftsdienst den Hauptanteil im chirurgischen Bereich dar. Allgemeine Schreib- und Computerarbeiten werden aus dem "normalen" Tagesgeschäft in den Bereitschaftsdienst verlagert und sind eigentlich "Überstunden". Der Arbeitsanfall bis ca. 23.00 Uhr rechtfertigt an sich nur die Einführung von Regelarbeitszeit.

Die hohe zeitliche Belastung der Ärzte spiegelt sich auch im Beanspruchungserleben wider. Bis zum späten Abend (ca. 23 Uhr) war eine deutliche Zunahme an Ermüdung und eine deutliche Verschlechterung der Stimmung bei den Ärzten festzustellen. Der Erholungseffekt in der Nacht war nur gering, so dass sich die Ärzte am Morgen nach Bereitschaft signifikant müder und schlechter gestimmt als am Morgen vor dem Bereitschaftsdienst fühlten.

Dabei ist zu bedenken, dass die Mehrzahl der Ärzte nach einem Bereitschaftsdienst einen weiteren "normalen" Dienst leistete. In diesem neuen Normaldienst kam es zu einer erneuten Zunahme der Ermüdung und Verschlechterung der Stimmung. Insgesamt fühlten sich die Ärzte signifikant müder und schlechter gestimmt als am Arbeitstag davor. Die notwendige Erholung hatte im Bereitschaftsdienst folglich nicht stattgefunden.

Ausblick

Am 09.09.2003 stellte der Europäische Gerichtshof fest, dass der Bereitschaftsdienst, den ein Arzt in Form persönlicher Anwesenheit im Krankenhaus leistet, in vollem Umfang Arbeitszeit im Sinne der EU-Arbeitszeitrichtlinie ist. Dies gilt auch dann, wenn es dem Betroffenen in Zeiten, in denen er nicht in Anspruch genommen wird, gestattet ist, sich an seiner Arbeitsstelle auszuruhen oder auch zu schlafen.

Die Ergebnisse der Untersuchung belegen die hohe physische und psychische Belastung der Ärzte durch den Bereitschaftsdienst. Aus arbeitspsychologischer Sicht ist somit eine Neuregelung des derzeitigen Arbeitszeitgesetzes notwendig.

Zwischen den einzelnen Kliniken wurden jedoch auch Unterschiede deutlich. Gefragt sind daher nicht starre Arbeitszeitmodelle, sondern flexible, auf die individuellen Bedürfnisse der einzelnen Kliniken zugeschnittene Lösungen. Dieser Prozess wird im untersuchten Krankenhaus durch das zuständige Gewerbeaufsichtsamt aktiv weiterbegleitet.

Peter Richter, Susanne Merkel, Beate Streit, Gabriele Haeslich, Institut für Arbeits-, Organisations- und Sozialpsychologie der TU Dresden; Ines Strakow, Sabine Engel, Staatliches Gewerbeaufsichtsamt Bautzen